Lebendiger Geschichtsunterricht: Zeitzeuginnen berichten über den Zweiten Weltkrieg

(03.03.2026) Als Maria Wego an diesem Morgen mit ihrem Rollator durch den Schulflur des Pascal-Gymnasiums in Grevenbroich läuft, ist die Stimmung gelöst. Den Vorschlag, im kommenden Jahr hier das Abitur zu machen, wehrt die 86-Jährige lachend ab: „Bitte nicht!“, antwortet sie. Wenig später sitzt sie gemeinsam mit Hannelore Lonnes – beide sind Bewohnerinnen des Hauses St. Martinus, einer Senioreneinrichtung der St. Augustinus Gruppe – vor der Klasse 10a und berichtet von ihren Erlebnissen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Lehrer Jan Brandenburg organisiert die Zeitzeugengespräche gemeinsam mit Dirk Jansen, Leiter des Sozialen Dienstes im Haus St. Martinus. Ihr Gedanke: Geschichte erlebbar machen.

Geschichtslehrer Johannes Sack hat den Schülerinnen und Schülern der 10a in den vergangenen Monaten bereits die NS-Zeit nähergebracht. Für das Gespräch mit den Zeitzeuginnen haben sie Fragen vorbereitet. „Was ist ein prägendes Ereignis aus Ihrer Jugend?“, möchte Schülerin Mona Stankowiak wissen. Hannelore Lonnes muss nicht lange überlegen: „Die Flucht war sehr einschneidend für mein ganzes Leben.“ Am 28. Januar 1945 musste ihre Familie aus Königsberg im damaligen Ostpreußen fliehen. „Da war ich 13 Jahre – fast so alt wie ihr.“
 

Flucht, Angst und Überleben

Große Militärlastwagen brachten Hannelore Lonnes‘ Familie zur nahegelegenen Hafenstadt Pillau. Dort wurde sie mit vielen anderen Flüchtenden im Maschinenraum eines Schiffes untergebracht. „Das Wasser triefte, es war fürchterlich. Und nach einer Stunde kamen junge verwundete Männer zu uns, viele amputiert und nur mit Toilettenpapier versorgt. Ich sehe noch ihre großen Augen. Sie waren vielleicht 16 Jahre alt. Wenn ich davon erzähle, dann kommen mir heute noch die Tränen.“

Dennoch habe die Familie großes Glück gehabt: Sie hatte die Wahl zwischen einem kleineren Militärschiff und der Wilhelm Gustloff, einem großen, prestigeträchtigen Marineschiff der Wehrmacht. „Gott sei Dank haben wir uns für das kleinere Schiff entschieden – wenige Stunden später ist die Gustloff untergegangen.“ Lehrer Johannes Sack ordnet ein: Die Wilhelm Gustloff war, wie viele Evakuierungsschiffe aus Ostpreußen, stark überladen. Sie wurde von einem sowjetischen U-Boot versenkt, tausende zivile Flüchtende kamen ums Leben.
 

Zwischen Bombenalarm und Neuanfang

Maria Wego beschreibt den Klang der Sirenen bei Bombenangriffen, „die Aufregung, die Unruhe und die Angst“, wenn die Familie schnell das Haus verlassen musste, um in Deckung zu gehen. Wie sie eine jüdische Mitarbeiterin und ihren Mann in der Werkstatt des Familienbetriebs versteckten – eine der drei Töchter musste immer Wache stehen. Wie später die amerikanischen Soldaten mit Gewehren vor ihnen standen und alles beschlagnahmten. Wie ihr Vater 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkam, der Familie eine notdürftige Bleibe baute und jeden Tag beim Abendessen von seinen traumatischen Erlebnissen erzählte. Wie sie und ihre Geschwister ihn Nacht für Nacht beruhigen mussten, nachdem die Mutter gestorben war. „Das war eine sehr, sehr schreckliche Zeit. Aber alle halfen beim Wiederaufbau, auch wir Kinder. Und dadurch haben wir es irgendwie geschafft.“
 

Erinnerung als Auftrag für die Zukunft

Die Schülerinnen und Schüler hören aufmerksam zu, während die beiden Frauen ihre Geschichten erzählen. Auch die letzte Frage kommt von Mona Stankowiak: „Was würden Sie uns mit auf den Weg geben?“ Da sind sich die Zeitzeuginnen einig: „Vor allen Dingen: etwas tun,“ sagt Maria Wego. Hannelore Lonnes pflichtet ihr bei: „Immer am Ball bleiben und sich einsetzen. Auch politisch tätig werden, damit Sie so etwas nicht erleben müssen.“

Die Schule möchte die Zeitzeugengespräche fest etablieren, sodass jede Jahrgangstufe zehn die Möglichkeit bekommt, einmal an einem solchen Austausch teilzunehmen. Ein Vorhaben, das Dirk Jansen gerne unterstützt. „Allerdings werden die Menschen, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, natürlich immer weniger. Da müssen wir schauen, wer noch sprechen kann und will. Viele sind bereits demenziell verändert. Andere möchten wiederum nicht mehr darüber reden.“

Umso dankbarer sind die Zehntklässler dafür, dass die beiden Seniorinnen sich ihnen gegenüber so offen gezeigt haben – und auch die Zeitzeuginnen bedanken sich für das Interesse an ihrer Geschichte.